Spiegel-Online gab sich heute zum wiederholten Male als Sprachrohr der unkritischen XL-Aufschwungspropaganda her.
Not auf dem Jobmarkt: Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus, lautete die Überschrift eines Artikels der die Aufschwungsthesen und seine Segnungen auf den Arbeitsmarkt und den angeblichen Fachkräftemangel in Deutschland zeichnet. Dies verdeutlicht einmal mehr die Notwendigkeit von alternativen Informationsangeboten, um ein klareres Bild von der wirtschaftlichen Lage zu zeichnen.
Im Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im August 2010 offiziell 3,188122 Millionen als arbeitslos registriert, davon 939'000 bzw. 32,2% Langzeitarbeitslose! Die Zahl der Leistungsempfänger aus Alg I und Alg II betrug insgesamt 5,825562 Millionen. Nur noch 54,7% davon werden als offiziell Arbeitslos ausgewiesen, 2,364440 Millionen tauchen in der offiziellen Arbeitslosenzahl gar nicht auf, sondern diese werden unter erwerbsfähige Hilfebedürftige (Alg II) im statistischen Tabellenanhang des Monatsberichts verbucht. Vor diesem Hintergrund des Reservoirs an potentiellen Arbeitskräften einen Fachkräftemangel und Not auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland zu konstruieren ist schon ein unverschämtes Stück der positivistischer Propaganda.
Die Unterbeschäftigung (ohne Kurzarbeit), u.a. mit denen die sich in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen nach dem SGB II befinden, inkl. Altersteilzeit und Existenzgründungszuschüsse u.ä. nach SGB III lag im August 2010 bei 4,257082 Millionen!
Das Deutschland von einem Beschäftigungswunder weit entfernt ist, verdeutlichen auch die Zahlen zur Unterbeschäftigung mit den Kurzarbeitern in Vollzeitäquivalenten, welche die BA im aktuellen Bericht mit den detaillierten Daten für März 2010 mit 5,055 Millionen angab! Dies entsprach einem Anstieg im Vergleich zu März 2009 von +33'000 bzw. um +1%!
Die Zahl der Erwerbstätigen, hat Dank Kurzarbeit nicht stark unter der Wirtschafts- und Finanzkrise gelitten, nach den letzten Daten für Juli 2010 waren unbereinigte 40,199 Millionen erwerbstätig, dies entsprach einem Rückgang zum Vormonat von -65'000 und einem Anstieg zum Vorjahresmonat von +141'000. Nur.... - einen Beschäftigungsboom kann man aus der Entwicklung nicht ableiten! Auch der Langfristchart mit den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten straft dem großen Aufschwung Lügen:
Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, nach den letzten Daten der BA für Ende Juni 2010, sind zwar auf 27,663800 Millionen angestiegen, aber ein Chart (von Q1 1991-Q2 2010) der eine "Not auf dem Jobmarkt" widerspiegelt, sieht wohl anders aus.
Über fünf Millionen der sozialversicherten Jobs sind Teilzeitjobs, 704'400 gehen auf das Konto der Zeitarbeitnehmer. Beschämende 542'000 sozialversicherungspflichtige Jobs werden mit Alg II aufgestockt, darunter sogar 324'000 sozialversicherungspflichtige Jobs in Vollzeit! Im Juni 2010 war die sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung im Vergleich zum Vorjahresmonat um +174'000 oder um +3,4% angestiegen und die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung nur um +109'000 bzw. um +0,5%. Diese Daten liefern einen deutlichen Blick auf die eher miese Qualität der aktuellen Entwicklung.
Zum Juni 2010 stieg die Zahl der Leiharbeitnehmer auf 704'400 bzw. um +94'680 im Vergleich zum Vorjahresmonat. Der Chart mit der Zahl der Leiharbeitnehmer seit Januar 1991.
Die Zahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten lag Ende Juni 2010 bei 7,1449 Millionen, darunter 4,8382 Millionen die ausschließlich geringfügig entlohnt sind. Beschämende 2,3067 Millionen gingen einem geringfügig entlohnten Zweitjob nach, obwohl sie bereits in einem sozialversicherten Job beschäftigt waren!
Nach den letzten verfügbaren Daten für April 2010 verdienten insgesamt 1,38 Millionen bzw. 27% aller erwerbsfähigen Alg II Leistungsbezieher Einkommen aus Erwerbstätigkeit. Im Vergleich zum Vorjahresmonat war dies ein Anstieg von +86'000 bzw. um +7% und straft gängigen Vorurteilen zur geringen Arbeitsbereitschaft und Flexibilität mit der Macht des Faktischen!
Als sinnvolles Instrument der Arbeitsmarktpolitik stellt sich die Kurzarbeit dar, an der man die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise ablesen kann. Die letzten Daten der tatsächlichen Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld liegen nur bis März 2010 vor, zu diesem Zeitpunkt bezogen 829'510 Kurzarbeitergeld, was bei einem durchschnittliche Arbeitszeitausfall von 37% einem Vollzeitstellenäquivalent von 305'000 Kurzarbeitern entsprach.
Gemessen an 5,825562 Millionen Alg I und Alg II Empfängern im August 2010, 4,8382 Millionen die ihr Dasein in ausschließlich geringfügig entlohnten Jobs Ende Juni 2010 fristeten, 704'400 Leiharbeitnehmern Ende Juni und zuletzt im März 829'510 Kurzarbeitern ist die Berichterstattung der sich am XL-Aufschwung beteiligten Medien entlarvend.
Ende Juni 2010 berichtete das Statistische Bundesamt auf der Basis von Ergebnissen der Arbeitskräfteerhebung, dass 2009 8,6 Millionen Menschen mehr Arbeitsstunden leisten möchten. Diese Zahl setzte sich zusammen aus 4,2 Millionen Unterbeschäftigten, 3,2 Millionen Erwerbslosen und 1,2 Millionen Personen in Stiller Reserve. Zur Stillen Reserve gehören u.a. Arbeitskräfte, die beschäftigungslos, verfügbar und auf Arbeitsuche sind, ohne als Arbeitslose gemeldet zu sein; Personen, die die Arbeitsuche entmutigt aufgegeben haben, aber bei guter Arbeitsmarktlage Arbeitsplätze nachfragen würden; Personen, die aus Arbeitsmarktgründen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und aus Personen in Warteschleifen des Bildungs- und Ausbildungssystems.
Das am Aufschwung in Deutschland vor allem der Export einen erheblichen Anteil hat und in Q2 2010 gewaltigen 46,29% des nominalen BIP entsprach, wird verkannt und das dieser "Erfolg" größtenteils auf der Reaktivierung der Defizitkonjunktur vieler importierender Länder mit Hilfe der staatlichen Maßnahmen basiert. Nur die Konjunkturprogramme lassen nach und wie schon 2009 könnte Deutschland ein Déjà-vu beim Export erleben!
Wie exportgetrieben die deutsche Konjunktur ist verdeutlicht ein Blick auf den privaten Konsum. Im 2. Quartal 2010 stieg der Konsum der privaten Haushalte um nominale bereinigte +1,2%. Die Exporte von Waren, Güter und Dienstleistungen hingegen stiegen um nominale bereinigte +9,4%. Von Q1 2000 bis Q2 2010 stieg der Konsum der privaten Haushalte um nominale +19,75%, die Exporte von Waren, Güter und Dienstleistungen stiegen im gleichen Zeitraum um nominale +76,9%!
Im Juli 2010 exportierte Deutschland Waren und Güter in einem unbereinigten Volumen von 83,0 Mrd. Euro, nach 86,4 Mrd. Euro Vormonat und nach 70,52 Mrd. Euro im Vorjahrsmonat.Auch ein Blick auf den Output beim deutschen Rohstahl, als ein Grundstoff der Produktion macht die deutlich schwindenden Wachstumskräfte sichtbar:
Die Entwicklung der Rohstahlproduktion in Deutschland seit Januar 1991! Im August 2010 sank der Output um -1,1% zum Vormonat auf 3,453 Millionen Tonnen. Zum letzten Hoch im Mai 2010 geht es bereits um kräftige -15,2% abwärts.
Die unbereinigten Originalwerte des breitgefassten Produktionsindex für das produzierende Gewerbe seit Januar 1991. Um -5,2% ging es im Juli 2010 zum Vormonat abwärts auf 104,3 Indexpunkte, nach 110 Indexpunkten im Juni. Die Originalwerte beim Output der Produktion spiegelten sofort das leicht geschrumpfte Exportvolumen Deutschlands wider!
Beim deutschen Fahrzeugbau, dem Kernstück der industriellen Produktion setzte im Juli bereits eine kräftigere Korrektur ein. Der arbeitstäglich- und saisonbereinigten Fahrzeugbau-Index brach im Juli um -4,61% ein, auf 99,3 Punkte. Die Originalwerte beim unbereinigten Fahrzeugbauindex brachen sogar um -13,8% zum Vormonat ein, auf 98 Indexpunkte, nach 113,7 Indexpunkten im Vormonat.
Deutlich waren im Juli 2010 auch die Rückgänge der unbereinigten Indizes für die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe:
Die Entwicklung der unbereinigten Auftragseingänge für das gesamte Verarbeitende Gewerbe seit Januar 1991. Der Volumenindex sank im Juli 2010 um kräftige -7,6% auf 105,8 Punkte, nach 114,5 Punkten im Juni. Auch hier wird deutlich wo die Musik spielte, denn die Auslandsaufträge sanken um -10%!
Besonders beeindruckend und Beleg für die schwache deutsche Nachfrage ist ein Blick auf die Inlandsaufträge bei Konsumgütern des Verarbeitenden Gewerbes:
Die Hersteller von Konsumgütern verbuchen ein ständiges Schrumpfen bei den bereinigten inländischen Auftragseingängen. Seit Januar 1991 gehts um -36,6% bei den inländischen Auftragseingängen bis Juli 2010 abwärts!
Im Gegenzug steigen seit 1991 die Auslandsaufträge für Konsumgüter an:
Die extrem schwachen Auftragseingänge für Konsumgüter aus dem Inland (blau) wurden allerdings weitgehend von den steigenden Auftragseingängen aus dem Ausland (rot)ausgeglichen (grün: gesamte Auftragseingänge). Trotzdem wirft der Chartverlauf und damit die schwache Inlandsnachfrage nach Konsumgütern ein bezeichnendes Licht auf Deutschland.
Auch beim Fahrzeugbau sieht es nicht mehr rosig aus:
Im Juli sanken die unbereinigten Originalwerte der gesamten Auftragseingänge im Fahrzeugbau um kräftige -16,7% zum Vormonat auf 100,4 Indexpunkte, nach 120,5 Indexpunkten im Juni! Um satte -20% zum Vormonat sanken die unbereinigten Auftragseingänge aus dem Ausland und um -9,7% aus dem Inland!Die deutsche PKW-Nachfrage liegt schon seitdem Auslaufen der Abwrackprämie am Boden:
Die monatlichen PKW-Neuzulassungen in Deutschland seit Januar 2000. Nach dem letzten staatlich induzierten Aufbäumen ist der Trend stark abwärts gerichtet! Im August 2010 sanken die Neuzulassungen um -27% zum Vorjahresmonat. Nur noch 200'885 PKWs wurden neuzugelassen, dies war nur noch knapp über den 197'439 PKWs aus dem Januar 2010, dem bisherigen Allzeittief seit 1990!
Die schwachen deutschen privaten Konsumausgaben anhand der realen Einzelhandelsumsätze:
Der Index der realen bereinigten Einzelhandelsumsätze (ohne KFZ-Handel) seit Januar 1994. Der Abwärtstrend ist seit Dezember 2006 weiter intakt. Der reale nach dem X12-Arima Verfahren bereinigte Index sank im Juli 2010 auf 98,0 Punkte, nach 98,3 Punkte im Juni.
Wo sollte die private Nachfrage in Deutschland auch her kommen, die Einkommensentwicklung ist seit Jahren schwach:
Die Entwicklung der durchschnittlichen deutschen nominalen Jahresbruttoverdienste je Arbeitnehmer seit 1995 (blau). 2009 sank der durchschnittliche nominale Jahresbruttoverdienst erstmals um -0,3% zum Vorjahr auf 27'746 Euro! Bereinigt man die Bruttoverdienste um den Verbraucherpreisindex (rot) sieht die Einkommensentwicklung je Arbeitnehmer noch schlechter aus. Real sanken die Bruttoverdienste seit dem Jahr 2000 um -2,35% (nominal +10,3%) und genaugenommen lagen die realen Bruttoverdienste 2009 mit 24'558 Euro auf dem tiefsten Stand seit 1994! Eine langanhaltende Stagnation bzw. eine dauerhafte Nullrunde zeichnen die realen Bruttoverdienste!
Im Jahr 2009 lagen die durchschnittlichen realen (preisbereinigten) Nettolöhne um -2,48% unter dem Niveau von 2000 und liegen mit 15'815 Euro sogar unter dem Niveau von 1991 (mit 15'929 Euro).
Die Entwicklung der bereinigten Summe aller nominalen Arbeitnehmerentgelte in Deutschland und der Summe der bereinigten nominalen Unternehmens- und Vermögenseinkommen von 2000=100 bis Q2 2010. Um nominale +13,88% stiegen die nominalen Arbeitnehmerentgelte seit 2000 bis Q2 2010 und um nominale +52,96% die Unternehmens- und Vermögenseinkommen.
Deutlich erkennbar macht dieser Chart, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen koppelten sich erst Mitte 2003 von der Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte ab und dies zeigt deutlich wer bisher von der einseitigen Exportorientierung der deutschen Wirtschaft profitierte.
Legt man die Charts, von der Entwicklung der bereinigten Exportvolumen und den Unternehmens- und Vermögenseinkommen übereinander, offenbart sich eine bemerkenswerte Deckungsgleichheit:
Blau (linke vertikale Achse) das Exportvolumen, rot (rechte vertikale Achse) die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, jeweils in Mrd. Euro auf Quartalsbasis von Q1 1991 bis Q2 2010.
Der angebliche XL-Aufschwung und das deutsche "Jobwunder" stehen und fallen vor allem mit dem Export und schon jetzt kann man an Hand der letzten Wirtschaftsdaten erkennen, dass der Zenit der Auslandsnachfrage bereits überschritten sein könnte!